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Die Schlacht bei Stalingrad 1942/43: Zeitzeugen berichten
Funker Hellmut Hoffmann auf Görlitz:
»Mütterchen Russland! Ich fühle große Schuld«


Mit freundlicher Genehmigung von Gerald Praschl
 

Den hölzernen Koffer, mit dem er aus Russland heimkam, hütet Hellmut Hoffmann (92) noch heute. Damals, am 3. November 1949, warteten seine Frau Hildegard und seine Tochter Bärbel auf ihn. Heimkehr eines Totgeglaubten. Hellmut und Hildegard Hoffmann heirateten kurz vor Kriegsausbruch 1939.Auf ihrem Hochzeitsfoto trägt Hoffmann schon eine Uniform: die des »Reichsarbeitsdienstes«. Auf dem Original, das in seinem Wohnzimmer hängt, ist das Hakenkreuz mit dickem schwarzen Stift übermalt. Im Krieg, in der Hölle von Stalingrad, hat er das wahre Gesicht der Nazi-Diktatur kennen gelernt. Hellmut Hoffmann: "Die Worte dieses Großmauls Göring klingen mirnoch in den Ohren. Am 30. Januar 1943, als wir in Stalingrad im Dreck lagen, tönte er im Rundfunk, noch in tausend Jahren würde jeder Deutsche mit heiligem Schauer von diesem Kampf sprechen. Das war nun wirklich der Gipfel der Heuchelei. Stalingrad - das war kein Heldenkampf. Das war gemeiner Völkermord! Und keiner, der überlebte, wird sich als Held fühlen."

Das Sterben an der Wolga. Seit 1940 Soldat, kämpfte Hoffmann als Funker und Fahrer der Dresdner »14. Panzerdivision«. Mit 260 000 anderen deutschen Soldaten wurde er im November 1942 in Stalingrad von den Sowjets eingekesselt. Hoffmann: "Vieles, was ich dann erleben musste, kann man mit Worten kaum beschreiben. Die entsetzlichen Qualen der Verwundeten, die jungen Leute, die sich vor lauter Erfrierungen kaum noch bewegen konnten. Verraten und verkauft vom »Großen Führer«, ergaben sie sich vor meinen Augen ihrem Schicksal. Das war kein Sterben, das war elendes Verrecken. Der erlösende Tod kam dann nachts bei 40 Grad Kälte. Wenn nicht vorher russische Soldaten sie erschossen oder russische Panzer sie zerquetscht hatten."

Das Ende. Hoffmann: "Die letzten Nächte verkrochen wir uns in einemKeller. Ans Kämpfen dachten wir nicht mehr. Die meisten hatten nicht malmehr eine Waffe. Ein Oberleutnant fragte mich: Na, Hoffmann, schießen wir uns selbst eine Kugel in den Kopf? Doch ich wollte überleben. Dachte an meine Frau Hildegard und unsere kleine Tochter Bärbel. Als am 30. Januar 1943 die Schießereien immer näher kamen, fasste ich den Entschluss und bin raus aus dem Keller. Mit erhobenen Händen gingen wir den Russen entgegen."

Die Gefangenschaft. Wie Hellmut Hoffmann ergaben sich im Januar 1943 zwischen 90 000 und 130 000 deutsche Soldaten in Stalingrad den Sowjets. Nur 6 000 überlebten. Hoffmann: "Schon der Marsch ins erste Gefangenenlager nach Beketowka kostete viele das Leben. Wer nicht mehr laufen konnte, mit dem machten sie kurzen Prozess. Im Lager selbst gab es kaum zu essen, dafür Ruhr und Fleckfieber. Täglich starben Hunderte. Erst später besserten sich die Verhältnisse. Ich nehme das den Russen aber nicht übel. Sie mussten selbst hungern. Ich habe sie als freundliche und liebenswerte Menschen kennen gelernt. Sie haben durch den Krieg und das Leben unter Stalin so schwer gelitten." Hoffmann verbrachte fast sieben Jahre im Arbeitslager. Er arbeitete dort als Schreiber, was ihm Vergünstigungen einbrachte. Hoffmann: "Was mich vorwärts trieb, war nur ein Gedanke: Ich wollte zu meiner Frau und meiner Tochter heimkehren." Als einer der wenigen »Stalingrader« hatte Hellmut Hoffmann dieses Glück. Am 3. November 1949 fiel er seinen Lieben auf dem Bahnsteig von Bad Schandau in die Arme.

Die Reue des einfachen Soldaten. Seit 1952 betrieb Hoffmann einen Kurzwaren-Laden im sächsischen Sebnitz. 1992 ging er in Rente, zog zu seiner Tochter nach Görlitz. Für seine Enkel hat er seine Erlebnisse nun zu Papier gebracht. "Damit sie lesen können, wie schwer wir für die Verbrechen von Demagogen und Scharlatanen büßen mussten." Auch ein Gedicht hat er dazu verfasst:

"Mütterchen Russland! Ich habe dich kennen gelernt und erlebt.
Aber es war Krieg und die Schönheiten deines Landes sahen wir nur im Vorbeifahren. Missbraucht von Demagogen wurde die deutsche Jugend zum Werkzeug.
Ich beuge mich tief zu deiner Erde, denn ich fühle große Schuld.
Ich bereue zutiefst, was dir durch uns deutsche Soldaten angetan wurde.
Ein Einzelner kann die ganze Schuld nicht auf sich nehmen.
Aber eine Teilschuld lastet auf jedem von uns."

Hoffmann-1
Hoffmann-2-Hochzeit02
Hoffmann-3-Gefangenschaft02

Oben: Funker Hellmut Hoffmann als 92jähriger Rentner 2003 in seinem Haus in Görlitz (Foto: M. Handelmann). Mitte: Hellmut Hoffman bei seiner Hochzeit 1939. Er trägt die Uniform des "Reichsarbeitsdienstes". Kurz darauf muss er in den Krieg. Erst 1949 kehrt er zurück. Unten: Hellmut Hoffmann und sein Kriegskamerad Kurt im sowjetischen Gefangenenlager Morschansk 1946.