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Die Schlacht um Stalingrad 1942/43: Überlebende erinnern sich
Artillerist Falk Patzsch aus Königstein: »Wir hatten keine Hoffnung mehr«
Mit freundlicher Genehmigung von Gerald Praschl
Seine Hände zittern schon nach den ersten Sätzen. Falk Patzsch, geboren 1922 im sächsischen Königstein, heute Rentner in Weißwasser, ist ein
Gefangener seiner schrecklichen Erinnerung. Seine Frau Ella (74) hält ihm die Hand, um ihn zu beruhigen. Dann setzt er erneut an, um die Geschichte seiner zerstörten Jugend zu erzählen.
Eine Geschichte voller Wahnsinn, Krieg und Zerstörung. Falk Patzsch: "Ich wuchs in sehr elenden Verhältnissen auf. Meine Mutter ist
früh gestorben. Mein Vater kümmerte sich überhaupt nicht um mich und meine Schwester. Oft bekamen wir nicht einmal etwas zu essen. Die letzten Jahre lebten wir im Heim. Die Nazis? Bei der Hitlerjugend verbrachte ich
damals einen großen Teil der wenigen schönen Stunden in meiner harten Jugend. So stand ich den Parolen dieser Rattenfänger leider unkritisch gegenüber. In meinem späteren Leben, unter den Kommunisten, war mir das
eine Lehre. Noch einmal wollte ich nicht betrogen werden.
Sterben vor Moskau. Mit 18 Jahren wurde ich 1940 eingezogen, kam als Artillerist in das schon seit 1939 von Deutschland besetzte Polen. Uns war klar, dass es bald gegen die Russen ginge. Am 22. Juni 1941 kam der Angriffsbefehl. Wir marschierten bis kurz vor Moskau. Dann kam der schreckliche russische Winter. Meine Kameraden erfroren in ihren Sommersachen zu Tausenden. Im Frühjahr 1942 versank dann alles im Schlamm. Wochenlang war unsere Division eingekesselt, die Russen schossen von allen Seiten. Jeder kämpfte nur noch für sich und sein Leben, Kameradschaft gab es nicht mehr. Mir erfroren Ohren und die Zehen. Den Glauben an den Führer oder gar einen Sieg hatten wir da längst verloren. Im Frühsommer 1942 schickten sie uns auf den Marsch Richtung Stalingrad. Je weiter wir vorstießen, desto erbitterter wurde der Widerstand der Russen. Und desto schlechter der Nachschub. Wir hatten kaum noch zu essen, immer weniger Munition. Als wir in Stalingrad ankamen, waren wir völlig kraftlos und abgemagert. Auf der Suche nach Essen durchwühlten wir die Taschen der Toten.
Kampf um Stalingrad. Dann begann die Schlacht in der Stadt. Vor uns die Russen, die ums Überleben kämpften. Und hinter uns ein anderer schlimmer Feind: unsere eigenen Leute! Sie erschossen jeden, der es wagte, sich zurückzuziehen. Hunderte Kameraden wurde so wegen »Feigheit vor dem Feind« an die Wand gestellt. Ich müsste lügen, zu behaupten, dass mich in dieser Situation interessiert hätte, dass auf der anderen Seite genauso arme Schweine wie wir kämpften. Unser Schicksal war es eben, uns gegenseitig umzubringen. Einmal stand ich einem Russen ganz nah gegenüber. Für eine Sekunde blickte ich in seine Augen. Dann riß ich die Pistole hoch und er im selben Moment seine MPi. Ich war schneller.
Der bittere Verrat. Wir Frontsoldaten redeten offen über unsere Verzweiflung. Ansonsten musste man sehr vorsichtig sein, die Wahrheit
auszusprechen. In einem Brief, den ich meinem Vater Otto mit der Feldpost nach Königstein schickte, schilderte ich ihm unsere ausweglose Lage und schrieb: "Ich habe keine Hoffnung mehr, die Heimat
wiederzusehen." Das hätte ich besser nicht getan. Mein Vater war ein so verbohrter Nazi, dass er den Brief postwendend an meinen Kommandeur an die Front weiterschickte und mich bei ihm wegen
»Wehrkraftzersetzung« anzeigte. Darauf stand der Tod. Doch mein Kommandeur war Gott sei Dank ein ordentlicher Mensch. Er rief mich zu sich, sagte mir: "Patzsch, dafür müsste ich Sie eigentlich erschießen
lassen." Dann gab er den Brief seinem Adjudanten. Der legte ihn auf einen eisernen Rost und zündete ihn an. Schweigend sahen wir zu, wie das Papier verbrannte.
Die Rettung. Anfang Oktober 1942 wurde ich beim Kampf um ein Fabrikgelände in Stalingrad im Bombenhagel getroffen. Der Einschlag brach mir viele Knochen, Granatsplitter schlugen in meinen Bauch, mein Schädel wurde gequetscht. Ich verlor das Bewusstsein. Ich muss wohl tagelang verschüttet unter Trümmern gelegen haben. Es kam mir wie ein Wunder vor, als ich Wochen später in einem Militärkrankenhaus im polnischen Litzmannstadt (Lodz) wieder aufwachte. Per Flugzeug war ich ausgeflogen
Das neue Leben. Wegen meiner schwerenVerwundung wurde ich ausgemustert. Weil ich mit meinem Nazi-Vater nichts mehr zu tun haben wollte, zog ich zu einer befreundeten Familie ins schlesische Namislau, die mich wie ihren Sohn aufnahm. Mit viel Glück überlebte ich dort auch den Einmarsch der Russen 1945. In Weißwasser fand ich eine neue Heimat. Durch die Kriegsverletzungen bin ich Invalide, leide auch heute noch an epileptischen Anfällen. Ich würde für niemanden mehr ein Gewehr anfassen. Hitler und Stalin, Ribbentrop und Molotow, diese Verbrecher, machten Krieg, und wir einfachen Leute mussten es ausbaden."
Aufgrund seiner schweren Verwundung wurde Falk Patzsch zum Invaliden. Noch 60 Jahre nach der Schlacht um Stalingrad plagen ihn epileptische Anfälle
und Albträume, außerdem wurde er durch eine Bombenexplosion schwerhörig. Er lebt als Rentner in Weißwasser (2003)
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