Einsätze des Gefreiten Hans-Eckhard - Kalweit

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Mit freundlicher Genehmigung von Hans - Eckhard Kalwait

Erlebnisbericht über die Einsätze des ( zu der Zeit) 20- jährigen Gefreiten im Bereich des Kessels von Stalingrad / Hans - Eckhard Kalwait gehörte zur 14. Panzer - Division !

Foto von Hans - Eckhard Kalwait als Panzerfunker etwa im Mai 1943, ca. 3 Monate nach der Errettung aus Stalingrad

Foto von H.E. Kalwait und M. Deiml zur Einweihung des Soldatenfriedhof Rossoschka im Mai 1999 wieder in  Stalingrad !

 

Hans-Eckhard Kalwait Hannover, den 5.8.1950

Eine schicksalsschwere Zeit meines Lebens

A. Bevorstehende Frontversetzung

B. Die Einschließung im Kessel von Stalingrad

a) Fronteinsatz

b) Kampfraum Stalingrad

c) Die Einschließung

d.) Die Lage des Kessels

e) Die Einengung

f) Einsatz unserer Funkstelle

g) Ein eigenartiges Erlebnis

h) Weihnachten im Kessel

i) Einsatz aller Kräfte

j) Unser Kampfeinsatz im Kessel

k) Trostloses Gumrak

L) Ein glücklicher Zufall

m) Die Möglichkeit der Rettung

n) Der Ausflug

C. Die Errettung

 

 A.

Seit Mitte Mai 1942 hatten wir mit unserer Frontversetzung zu rechnen. Am 12. Juni wurden wir eingekleidet. Nicht einmal mehr zum Stadturlaub reichte an diesem Tage die Zeit aus. Die paar Vormittagsstunden des 13. Juni benutzten alle dazu, um ihren Angehörigen mündlich oder fernmündlich die letzten Grüße zu sagen. Ich konnte meinen Angehörigen nicht "Auf Wiedersehen" sagen, da mit Hannover auf dem Fernsprecher keine Verbindung herzustellen war. Erst am nächsten Tage erreichte ich meinen Vater von einem großen Truppenübungsplatz aus. Er teilte mir am Fernsprecher den Tod unserer Mutter mit. Sie war am Tage meiner Abfahrt gestorben. Trotz vieler Schwierigkeiten gelang mir noch die rechtzeitige Rückkehr zur Beerdigung. So konnte ich wenigstens meine Mutter noch auf. ihrem letzten Wege begleiten.

 B.

 a)
14 Tage später befanden wir uns im Mündungsgebiet des Donez und Don. Wir Funker waren als Ersatz auf die Fronteinheiten verteilt worden. Ich gehörte zur 14. Panzerdivision. Meine Einheit hatte an größeren Operationen teilgenommen und drang nach der Uberquerung des Donez und Don in östlicher Richtung mitten in die Kalmücken-steppe hinein.Nach Vermutung eines Vorstoßes auf Astrachan schwenkten wir nach Norden auf Stalingrad zu. Das war Ende Juli. Wenn auch unsere Division zu den Einheiten gehörte, die in vorderster Linie eingesetzt waren, so war doch unsere Funkstelle innerhalb der Division rückwärtig eingesetzt.

 b)
Bald darauf begann der Kampf um die Stadt Stalingrad. Sie wurde Stück um Stück erobert. Beide Seiten setzten erhebliche Kräfte ein. Der Kampf wurde mit einer Erbitterung geführt, wie man sie bis dahin nicht gekannt hatte. Die Monate August und September gingen dahin. Wir hatten mehrfach unsere Stellungen gewechselt. Statt bisher in Zelten übernachteten wir jetzt in Erdhöhlen, die wir mit Decken ausgelegt hatten. Es war im Oktober nachts bereits empfindlich kalt. Mit Winterbekleidung waren wir noch nicht ausgerüstet und die seit Wochen erwartete Post war noch nicht nachgekommen. Zwei Mann von uns, die die Winterbekleidung und Post von unserem Troß holen sollten, kehrten mit dem Kraftwagen unverrichteter Dinge wieder zurück. Es gelang ihnen nicht, durchzukommen.

 c)
In der Nähe des Don-Überganges seien die Rollbahnen verstopft und die Einheiten verwirrt. Man spräche von einem Durchbruch der Russen. Wir schrieben den 19. November. Das Jagdgeschwader Graf schoß an manchen Tagen
30 - 40 Feindflugzeuge vor unseren Augen ab. Unsere Stimmung war noch gut. Doch bald wurden unsere Verpflegungssätze herabgesetzt. Statt 600 Gramm Brot bekamen wir am Tage nur noch 300 Gramm. Die Zuteilungen wurden täglich weiter gekürzt. An unserer Lage bestand jetzt kein Zweifel mehr. Es erschienen ganze Transportgeschwader viermotoriger Flugzeuge und landeten auf den 3 großen Versorgungsflugplätzen Pitomnik, Gumrak und Dubininski.

 d)
Der Einschließungsring hatte zu Beginn der Einschließung die Breite des Gebietes zwischen Wolga und Don (etwa 80 - 100 km) und eine fast doppelte Länge. Stalingrad zieht sich etwa 20 km lang am Laufe der Wolga hin. Nördlich der Stadt erstreckte sich zwischen Don und Wolga die "Nördliche Riegelstellung" zum Schutze unserer Flanke. An dieser stark ausgebauten Stellung zerschellten in der zurückliegenden Zeit viele schwere Angriffe des Gegners. Die Zahl von 50 und mehr an einem Tage abgeschossenen Panzern des Feindes läßt erkennen, welche Bedeutung diesem Frontabschnitt von beiden Seiten beigemessen wurde. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, daß der Russe zu seinem entscheidenden Stoß weit im Rücken der Riegelstellung jenseits des Don ansetzte.

 e)
Durch den Druck des Gegners von allen Seiten auf den Einschließungsring mußte eine um die andere Ortschaft aufgegeben werden. Die 6. Armee hatte aus ihren Kampftruppen eine regelrechte innere Front gebildet,die immer wieder durchbrochen und verkürzt wieder neu gebildet wurde. Wir hatten noch immer Hoffnung, daß eine von außen her angesetzte Entsatzarmee uns die Befreiung bringen würde. Der Name des Generals von Manstein wurde genannt. In Richtung auf Kotelnikowo vernahmen wir sogar in einiger Entfernung Artilleriefeuer und sahen es nachts aufblitzen. Ich erwähne dieses nur, weil wir uns davon unsere Befreiung versprachen; denn der tägliche Artilleriebeschuß, welcher von allen Seiten her uns galt, war nichts Neues mehr. Wir selbst wären noch immerin der Lage gewesen, mit der geballten Kraft der Armee den Ausbruch zu erzwingen, -- wenn nur Befehl dazu erteilt worden wäre! Das war die Ansicht von uns Soldaten. Die hohe Führung mußte ja wissen, was auf dem Spiele. stand. Wir hatten keinen Einfluß auf die Befehle des OKW, Stalingrad sollte gehalten werden, koste es,
was es wolle !

 f)
Bislang waren die Funkstellen unserer Nachrichtenabteilung den verschiedenen Einheiten der Division zugeteilt. Durch die Zersplitterung einzelner Einheiten wurden Funkstellen überzählig. Sie wurden entweder bei der Abteilung in Reserve gehalten, wurden den aus verschiedensten Truppenverbänden rasch zusammengefaßten Kampfgruppen zugeteilt oder bekamen irgendwelche Sonderaufträge. So wurde unsere Funkstelle im Laufe des Dezember mit der Kampfgruppe Seydel mehrfach hin- und hergeworfen. Einige Tage standen wir dem Oberbefehlshaber der Armee zur Verfügung. Der Dezember brachte uns die erste größere Kälte, Schneie, Hunger und Entbehrungen. Die vom Sommer ausgedörrte Steppe mit dem von der Sonne versengten Steppengras hatte sich in eine unendliche Schneewüste verwandelt, die sich fast ohne Anhaltspunkte südlich und westlich der Stadt erstreckte. Tiefe, wasserlose Furchen unterbrachen die Einöde. Man konnte diese Rinnen oftmals kaum zwanzig Meter entfernt wahrnehmen.In einer solchen Rinne hatten wir unseren Unterstand in die glashart gefrorene Erde gebaut. Neben uns und im gegenüberliegenden Hang waren die Unterstände der anderen Soldaten. Wir galten noch immer als Funker, obwohl es zum Funken nichts mehr gab. Nur die ständigen Feldwachen zum Schutze unserer Unterstände verkürzten uns die Zeit. Nebenher bereiteten wir uns in unserem Erdloch auf das Weihnachtsfest vor.
 

 g)

Am Nachmittag des 24. Dezember hatte ich ein eigenartiges Erlebnis: Von den 4 Funkern unserer Funkstelle waren wir zu zweit zu unserer Funkkompanie zum Weihnachtsappell bestellt, die 20 Minuten Weges durch die Schneewüste von uns entfernt lag. Wir gingen gemeinsam durch das Niemandsland. Die Richtung war uns bekannt und wir waren auch schon öfter dort gewesen. Wir hatten uns verabredet, getrennt zurückzugehen, da mein Kamerad noch länger dort bleiben mußte. An der gewohnten Stelle verließ ich die Schlucht, in der die Kompanie ihre Unterstände hatte und trat den Rückweg an. Ein leichter Schneesturm war aufgekommen und trieb mir den Pulverschnee direkt ins Gesicht. Dreißig Minuten war ich schon unterwegs, und von unserer Schlucht war noch nichts zu sehen. Mir fiel nur auf, daß ich den unauffälligen Pfad während meines Weges noch nicht gekreuzt hatte. Nach einer Weile sah ich den Stern eines Antennenmastes den Rand der Schlucht überragen. Ich mußte also am Ziel sein. Doch ich war nicht am Ziel, sondern an der Stelle, wo ich den Rückweg angetreten hatte. Ich war im Kreise gelaufen. Erneut begab ich mich auf den Rückweg und legte durch Beobachtung einzelner auffälliger Steppengrasbüschel genau die Richtung meines Marsches fest und kam so nach nicht langer Zeit zur Funkstelle und zum Unterstand zurück.

 h)
Unseren engen Raum schmückten wir aus und setzten uns um den kleinen Tisch zusammen. Aus verschiedenfarbigem Papierfutter alter Briefumschläge hatten wir uns eine Ampel mit Engelsfiguren gebastelt.Die Hoffnungslosigkeit unserer Lage und die große Not vermochten nicht die weihnachtliche Stimmung bei uns aufzuhalten. Von meinem Erlebnis hatte ich noch nichts erwähnt. Da kam auch unser vierter Mann zurück, und wir begingen nun den Heiligen Abend. Es war alles so feierlich und mit glänzenden Augen dachte jeder an die Seinen. Der zurückgekommene Kamerad erzählte plötzlich mein Erlebnis. Ich war ganz erstaunt und las ihm jedes Wort von den Lippen ab. Der Schneesturm hatte auch ihn vom Wege getrieben und im Kreise laufen lassen. Solche Erlebnisse hatte ich bislang nur in Büchern gelesen. Jetzt wußte ich, wie so etwas geschehen konnte. Der evang. Divisionspfarrer hielt in einem größeren Unterstand noch einen Feldgottesdienst ab. Er gedachte in ernsten Worten unserer Lage. U.a. sagte er, daß es für die meisten von uns das Schwerste Weihnachtsfest unseres Lebens sein würde, und er behielt Recht damit denn die meisten von uns erlebten kein Weihnachtsfest mehr.

 

 i)
Weihnachten und die Jahreswende vergingen. Die tägliche Verpflegung bestand aus 100 Gramm Brot. Unter 15 - 18 Mann wurde ein Brot aufgeteilt. Wir waren körperlich nicht mehr die Stärksten. Der einarmige Ritterkreuzträger, Major i.G. Seydel, machte mit uns Gefechtsdienst im Schnee und Ausbildung am MG. Er sprach mit derbem Humor das aus, was wir noch nicht zu denken gewagt hatten: Es ginge nämlich auf unseren Untergang zu, und dazu wollten wir uns rüsten. Hatte er sich mit seinem Schicksal schon ausgesöhnt? Wir wollten doch erst noch einmal leben
Die Zeit ging voran, und der Januar brachte uns die bisher kältesten Tage. Der Kessel war stark eingeengt worden. Durch das Zurückdrücken der deutschen Front hatte der Feind auch die Luftherrschaft gewonnen. Wir waren Zeuge vieler Abschüsse von deutschen Transportflugzeugen. Da die Kampftruppen zum großen Teil aufgerieben und zersprengt waren, wurden jetzt alle Truppen im Erdkamp£ eingesetzt. Unsere Funkstelle: wurde zur Nachrichtenabteilung beordert. Eine geringe Bewachung blieb bei den Fahrzeugen. Wir wurden zu MG-Gruppen, Zügen und Kompanien zusammengefaßt. Die Waffen wurden entsprechend verteilt. Wir bekamen die Tarnanzüge der Verwundeten vom Hauptverbandsplatz. Aus der Nachrichtenabteilung 4 wurde das Festungsbataillon III.

 j)
Unser erster Auftrag galt der Errichtung einer Auffangstellung in der Nähe des Bahnhofs Karpowka. Das Gelände war dort ebenso trostlos wie überall in der Wintersteppe. Auch Schluchten befanden sich dort. In ihrem natürlichen Verlauf lagen sie für uns nicht überall günstig. Fast 48 Stunden vergingen, bis der Feind an unsere Auffangstellung herankam. Durch unser Feuer und das eines Werfers wurde er zunächst unter Verlusten abgewiesen. Er nahm dann jedes einzelne MG-Nest unter Artillerie- und Granatwerferbeschuß. Als er mit Kavallerie und Infanterie zur Umgehung ansetzte, schien unser Schickaal besiegelt zu sein. In wilder Flucht räumten wir unsere Stellung. Ein deutscher Panzer deckte unseren Rückzug. Der Einsatz hatte uns einige Gefallene, Verwundete und Erfrorene gekostet. 50% der Überlebenden hatten sich Hände und Füße: teilweise schwersten Grades erfroren. Meine rechten Zehen waren mit dem Strumpf im Schuh festgefroren und die Finger klebten durch die zerrissenen Handschuhe am Eisen des MGs fest. Auf dem Marsch zurück brachte uns ein Wagen heißen Tee entgegen. Es war das erste Warme seit Tagen. Er durchlief die ausgedörrten Därme derart schnell, daß ich sofort den Drang zum Austreten verspürte. Durch die umständliche vierfache. Bekleidung und die erfrorenen Finger konnte ich mich nicht schnell genug bewegen und durchnäßte mich vollkommen. Ich mußte mich nun bei 30 Grad Kälte entkleiden, um die nasse Unterwäsche auszuziehen. Immer weiter mußten wir fliehen. Die Kräfte drohten uns zu verlassen. Durch den über die Beine gestreiften Wollpullover rieb ich mir die Oberschenkel blutig. Ich meldete mich bei einem Sanitäter krank und bekam ein Schild um den Hals.. Ich sollte zum Lazarett Gumrak, Die Beine schafften die Wegstrecke kaum. Ein Lastwagen überbrückte das letzte Stück.

 k)
Dann war ich in einer Ortschaft zerstörter Häuser. Wohl das einzige heile Gebäude war Krankensammelstelle und Lazarett zugleich. In ihm wollte ich Aufnahme finden. Das einstöckige Haus hätte wohl 100 Verwundeten Platz geboten. Hier warteten aber 10.000 im Freien! In Gängen und Räumen der Krankensammelstelle stand Mann an Mann. Viele der Verwundeten hatten ihren letzten Kampf in der Kälte bereits ausgekämpft. Tausende hatten die letzte Nacht im Freiern verbrächt und sie nicht überstanden. Es war wieder Nachmittag und eine neue Nacht stand bevor. Irgendeiner meiner Kameraden war bei mir. Ich weiß nicht mehr, wer es war. Wir klopften an die Kellertüren und an die Porten der Unterstände, an die Bretter und Bleche vor den Erdhöhlen: "Macht auf, Kameraden, wir suchen nur einen Platz zum Aufwärmen!" Aber die Bleche bogen sich vor Uberfüllung bereits nach außen, und die Türen ließen sich nach innen nicht mehr öffnen. Durch kleine Fensterscheiben sah man die Masse der Soldaten. Wir klopften an 20 Unterstände und Keller, aber in keinem war auch nur noch ein Platz.
Viele Soldaten setzten sich übermüdet und entkräftet in den Schnee. Die meisten standen nicht mehr auf. Zwei Soldaten vergesse ich nicht, von denen einer sich hinsetzen wollte. Sein Kamerad schrie ihn wie von Sinnen an: "Nicht hinsetzen! Nein! Du darfst Dich nicht hinsetzen!" Der andere sah ihn nur verständnislos an und setzte sich in den Schnee.
 

 l)
Unter einzelnen Fahrzeugen, die bisweilen die Ortschaft durchfuhren, erkannte ich das Auto des Divisionspfarrers. Ich winkte ihm und er hielt an. Auf unsere Frage nach der Division und unserer Nachrichtenabteilung antwortete er, er führe jetzt dort hin. Die Reste unserer Einheiten sammelten sich bei Stalingradski, einem Vorort Stalingrads- Wir durften hinten aufsitzen. Unsere Einheit fanden wir wieder. Der Hölle von Gumrak waren wir entronnen. Wir fanden mit verlassenen Unterständen die Möglichkeit zum Unterschlupf. Mit 4 Mann zogen wir in einen Unterstand. Zwei Mann schlossen sich uns noch an. Wir fristeten unsere Stunden und Tage. Die Zeit verging beim Holzzerkleinern für den Eisenofen, beim Auftauen der erfrorenen Hände und Füße und beim Schneeschmelzen zum Waschen. Zur Wundpflege fehlten uns die nötigen Mittel. Die Betreuung der beiden schwerer Verwundeten und das Holen der lächerlichen Verpflegung von einer halben Brotscheibe pro Mann war Sache der Leichtverwundeten, zu denen ich gehörte.
Bei der Visite eines Unterarztes wurden unsere Namen festgestellt und die Art und Schwere unserer Verwundung. Zwei Mann von uns mit den leichtesten Körperschäden kamen mit einer neu aufgestellten Kompanie erneut zum Einsatz. Wir haben sie nie wiedergesehen. Ihre Plätze in unserem Bunker wurden sofort durch andere Soldaten fremder Einheiten wieder aufgefüllt.
 

 m)
Am 22. Januar stellte ein Sanitäter sehr eilig unseren Krankheitsbefund fest und wollte wissen, ob wir laufen könnten. Wir glaubten an erneuten Einsatz und zeigten ihm unsere Gebrechen. Er drängte nochmals auf seine Eile und erklärte uns, daß wir ausfliegen könnten, wenn wir selbst zum Behelfsflugplatz laufen würden. Wir sahen seit einigen Tagen Flugzeuge in unserer Nähe landen. Doch was besagte das für uns? Nun sollten wir uns vom Unterarzt die Berechtigung schriftlich geben lassen. Das klang nach Scherz, aber nicht nach Wahrheit. Die Flugberechtigung bekamen wir. Auf dem Rollfeld waren die Verwundeten in Gruppen zu je 20 Mann aufgeteilt. Es mochten an die 20 Gruppen sein. Jede Gruppe sollte mit einer Maschine fliegen. Niemand wußte, ob so viele Maschinen noch landen würden. Viele stießen nur aus den Wolken hervor, um ihre Ladung mit Fallschirmen abzuwerfen. Nicht eine Maschine landete.
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle großen Flugplätze in Feindeshand. Zweimal hatte der Gegner die Aufforderung zur Übergabe an die Armee gerichtet, zweimal war sie abgelehnt worden. Jede Landung war für die deutschen Flieger ein großes Risiko. Nach einem vergeblichen Aufsuchen des Rollfeldes gingen wir gegen 20 Uhr erneut zum Flugplatz und warteten.

 n)
2 1/2 Stunden später stieß eine Ju 52 besonders tief aus. den Wolken hervor und landete. Sie. drehte noch einmal und rollte in unsere Nähe. Es folgten ihr zwei weitere Maschinen. Die eingeteilten Gruppen waren nicht mehr zu halten. Die Verwundeten liefen, hüpften und humpelten zu den Flugzeugen. Ich stand an den Rumpf der ersten Maschine gedrückt. Es mußte ausgeladen werden. Ein paar Mann griffen mit zu. Die Zeit war knapp. Die Besatzung trieb zur Eile. Die Soldaten, die ausgeladen hatten, waren die ersten, die im Flugzeug saßen. Ich hatte Glück.
Als 17. oder 18. bestieg ich die Maschine:. Dann wurden die Türen zugeklappt. 100 Verwundete blieben an jeder Maschine zurück, 21 waren im Flugzeug. Das waren mehr, als die Maschine bei den schwierigen Start und Landeverhältnissen tragen konnte. 11 Mann sollte hinaus. Keiner war der letzte gewesen. Also blieb es so. Im Bombenabwurf russischer Flugzeuge starteten wir. Die Maschine geriet mit einem Rad in ein Schützenloch. Wir mußten aussteigen und sie an Rumpf und Tragflächen herumrücken. Wir stiegen wieder ein, und die Maschine erhob sich in die Luft.
 

C.

Noch immer kam mir die Bedeutung dieses Fluges nicht zum Bewußtsein. Mir war, als wolle das Schicksal sich einen schlechten Scherz erlauben. Dem Überfliegen der russischen Flaksperre und dem Landen stand ich noch mißtrauisch gegenüber. Erst als ich mich in der Krankensammelstelle Swerewo sattessen konnte an Haferflockensuppe, Brot und Milch, hatte ich das Gefühl, befreit zu sein.
Körperlich kam ich bald wieder zu Kräften, die Wunden heilten. Lediglich den Verlust zweier Zehen habe ich davongetragen. Seelisch hatte ich noch einen schweren Kampf zu bestehen.
Den Angehörigen meiner Kameraden wurde ich als Überlebender mitgeteilt. Und alle diese Familien fragten mich nach dem Schicksal ihrer Väter, Männer, Söhne und Verlobten. Einige fragten auch, wie es denn gekommen sei, daß gerade ich ausgeflogen wäre und ihre Angehörigen nicht. Es ist mir sehr schwer gefallen, hierauf eine Antwort zu geben.

Hans-Eckhard Kalwait war zu der Zeit 2o Jahre alt und Gefreiter. Er überlebte diesen unglückseligen Krieg.